Und jetzt will ich dir ein Gleichnis für
uns Menschen sagen, wenn wir wahrhaft erzogen sind und wenn wir
es nicht sind. Denke dir, es lebten Menschen in einer Art unterirdischer
Höhle, und längs der ganzen Höhle zöge sich
eine breite Öffnung hin, die zum Licht hinaufführt. In
dieser Höhle wären sie von Kindheit an gewesen und hätten
Fesseln an den Schenkeln und am Halse, so dass sie sich nicht von
der Stelle rühren könnten und beständig geradeaus
schauen müssten. Oben in der Ferne sei ein Feuer, und das gäbe
ihnen von hinten her Licht. Zwischen dem Feuer aber und diesen Gefesselten
führe oben ein Weg entlang. Denke dir, dieser Weg hätte
an seiner Seite eine Mauer, ähnlich wie ein Gerüst, das
die Gaukler vor sich, den Zuschauern gegenüber, zu errichten
pflegen, um darauf ihre Kunststücke vorzuführen.
Ja, ich denke es mir so.
Weiter denke dir, es trügen Leute an dieser Mauer vorüber,
aber so, dass es über sie hinwegragt, allerhand Geräte,
auch Bildsäulen von Menschen und Tieren aus Stein und aus Holz
und überhaupt Erzeugnisse menschlicher Arbeit. Einige dieser
Leute werden sich dabei vermutlich unterhalten, andere werden nichts
sagen.
Welch seltsames Gleichnis! Welch seltsame
Gefangene!
Sie gleichen uns! - Haben nun diese Gefangenen wohl von sich selber
und voneinander etwas anderes gesehen als ihre Schatten, die das
Feuer auf die Wand der Höhle wirft, der sie gegenübersitzen?
Wie sollten sie! Sie können ja ihr Leben
lang nicht den Kopf drehen!
Ferner: von den Gegenständen, die oben vorübergetragen
werden? Doch ebenfalls nur ihre Schatten?
Zweifellos.
Und wenn sie miteinander sprechen können, so werden sie in
der Regel doch wohl von diesen Schatten reden, die da auf ihrer
Wand vorübergehen.
Unbedingt.
Und wenn ihr Gefängnis auch ein Echo von der Wand zurückwirft,
sobald ein Vorübergehender spricht, so werden sie gewiss nichts
anderes für den Sprecher halten als den vorüberkommenden
Schatten.
Entschieden nicht.
Überhaupt, sie werden nichts anderes für wirklich halten,
als diese Schatten von Gegenständen menschlicher Arbeit.
Ja, ganz unbedingt.
Nun denke dir, wie es ihnen ergeht, wenn sie frei werden, die Fesseln
abstreifen und von der Unwissenheit geheilt werden. Es kann doch
nicht anders sein als so. Wenn einer losgemacht wird, sofort aufstehen
muss, den Hals wenden, vorwärts schreiten und hinauf nach dem
Licht schauen muss das alles aber verursacht ihm natürlich
Schmerzen, und das Licht blendet ihn so, dass er die Gegenstände,
deren Schatten er bis dahin sah, nicht erkennen kann -, was wird
er dann wohl sagen, wenn man ihm erklärt: bis dahin habe er
nur eitlen Tand gesehen- jetzt sei er der Wahrheit viel näher
und sähe besser - denn die Gegenstände hätten höhere
Wirklichkeit, denen er jetzt zugewendet sei! Und weiter, wenn man
auf die einzelnen Gegenstände hinzeigt und ihn fragt, was sie
bedeuteten. Er würde doch keine einzige Antwort geben können
und würde glauben, was er bis dahin gesehen, hätte mehr
Wirklichkeit, als was man ihm jetzt zeigt.
Weit mehr.
Und zwingt man ihn, das Licht selber anzusehen, so schmerzen ihn
doch die Augen. Er wird sich umkehren, wird zu den alten Schatten
eilen, die er doch ansehen kann, und wird sie für heller halten
als das, was man ihm zeigt.
Ja, das wird er tun.
Und zieht man ihn gar den rauen steilen Ausgang mit Gewalt hinauf
und lässt nicht ab, bis man ihn hervor ins Sonnenlicht gezogen
hat, so steht er doch Qualen aus, wehrt sich unwillig, und, ist
er oben im Licht, so hat er die Augen voller Glanz und kann kein
einziges von den Dingen sehen, die wir wirklich nennen.
Nein. wenn es plötzlich geschieht, nicht.
Er muss sich an das Licht gewöhnen, wenn er die Gegenstände
oben sehen will. Zuerst wird er wohl am besten die Schatten erkennen,
später die Spiegelungen von Menschen und anderen Gegenständen
im Wasser, dann sie selber. Weiter wird er die Himmelskörper
sehen und den Himmel selber, und zwar besser bei Nacht die Sterne
und den Mond, als bei 'I'age die Sonne und ihre Strahlen.
Freilich.
Schliesslich wird er in die Sonne selber sehen können, also
nicht bloß ihre Spiegelbilder im Wasser und anderswo hier
unten erblicken, sondern sie selber oben an ihrem Ort. Er wird ihr
Wesen begreifen.
Unbedingt.
Und dann vermag er den Schluss zu ziehen, dass sie es ist, die Jahreszeiten
und Jahre hervorbringt, die über die ganze sichtbare Welt waltet
und von der in gewissem Sinne alles, was man sieht, ausgeht.
Es ist klar, dass er hierhin zuletzt gelangt.
Nun weiter! Wenn er jetzt an die alte Wohnung zurückdenkt und
an die dortige Weisheit und an seine Mitgefangenen, so preist er
sich doch glücklich über den Wechsel und bedauert jene.
Gewiss.
Und wie denkt er über die Ehrungen und Lobsprüche und
Geschenke, die man da unten voneinander erhielt? Nämlich dann,
wenn einer die vorbeikommenden Schatten recht genau erkannte und
sich am besten einprägte, welche zuerst, welche nachher und
welche zu gleicher Zeit zu erscheinen pflegten, wodurch er denn
die in Aussicht stehenden gut erraten konnte. Wird es ihn noch danach
verlangen? Wird er die Leute beneiden, die unten in Ansehen stehen
und die Macht in Händen haben? Oder wird es ihm so ergehen
wie es bei Homer steht? Das heißt, wird er weit lieber Ackerknecht
bei einem armen Manne sein und alles aushalten wollen, als jenen
Wahn teilen und jenes Leben führen?
Ja, ich glaube, er erträgt lieber alles,
als dass er jenes Leben führt.
Denke dir nun auch dies: er stiege wieder hinunter und setzte sich
auf den alten Platz. Wird er nicht die Augen voller Finsternis haben,
wenn er so plötzlich aus der Sonne kommt?
Ganz und gar.
Und während seine Augen also noch stumpf sind und hin und her
irren, müsste er um die Wette mit den dauernd Gefangenen wieder
jene Schatten zu erkennen suchen. Nehmen wir nun noch die Zeit,
bis er sich an das Dunkel gewöhnt hat, nicht ganz kurz an,
so wird man ihn doch auslachen und sagen, er käme von seinem
Aufstieg mit schlechten Augen zurück. Es lohne sich nicht,
den Versuch zum Aufstieg zu machen. Wer aber andere freimachen und
hinaufführen will, den wird man töten, wenn man seiner
habhaft wird und ihn töten kann.
Gewiss.
Nun musst du dies ganze Gleichnis mit unserer voraufgegangenen Darlegung
zusammenhalten, lieber Glauko. Setze an Stelle der Gefängniswohnung
die durch den Gesichtssinn offenbarte Welt und an Stelle des lichtspendenden
Feuers die Kraft der Sonne. Wenn du dir ferner unter dem Aufstieg
und dem Kennenlernen der Oberwelt die Wanderung der Seele zur denkbaren
Welt hinauf denkst, so verstehst du meine Meinung, die du ja zu
hören wünschst, durchaus richtig. Gott weiß, ob
ich die Wahrheit gefunden habe! Meine Ansicht jedenfalls geht dahin,
dass es in der erkennbaren Welt die Idee des Guten ist, die man
zuletzt und mit Mühe gewahr wird. Ist man aber ihrer ansichtig
geworden, so muss man zu der Überzeugung kommen, dass alles
Rechte und Schöne in der ganzen Welt von ihr ausgeht. In der
sichtbaren Welt schafft sie das Licht und den Herrn des Lichts-
in der denkbaren Welt ist sie selber Herrin und gibt Wahrheit und
Vernunft. Und wer mit Vernunft handeln will, in seinem persönlichen
Leben oder als Staatsmann, der muss sie sehen lernen.
Das glaube auch ich, soweit ich die Kraft
dazu habe.
Nun, so glaube auch dies und wundere dich nicht darüber! Wer
dahin gedrungen ist, mag sich nicht um menschliche Angelegenheiten
bekümmern. Seine Seele verlangt danach, in der Höhe zu
verweilen. Es muss ja wohl so sein, wenn es zu unserem Gleichnis
stimmen soll.
Freilich.
Und weiter! Darf man sich wundern, dass, wer sich von der Betrachtung
des Göttlichen zu den menschlichen Gebrechen wendet, Anstoß
erregt und sich Lächerlich macht? Mit noch stumpfen Augen,
der Finsternis noch nicht vertraut, soll er sich vor Gericht oder
anderswo über die Schatten der Gerechtigkeit oder über
die Spiegelbilder, deren Schatten jene sind, herumstreiten, soll
gegen die Auffassungen derer in die Schranken treten, die die Gerechtigkeit
selber nie zu Gesicht bekommen haben!
Darüber kann man sich durchaus nicht
wundern.
Im Gegenteil, ein Einsichtiger wird sich gegenwärtig halten,
dass die Augen zweimal und aus zwei Gründen den Dienst versagen:
wenn man vom Licht ins Dunkel geht, und wenn man vom Dunkel ins
Licht geht. Überzeugt er sich dann, dass es der Seele ebenso
ergeht, so wird er nicht in unvernünftiges Lachen ausbrechen,
sobald er eine Seele in Verwirrung und außerstande sieht,
gewisse Dinge aufzufassen. Er wird fragen, ob sie aus einer helleren
Umgebung kommt und sich an das Dunkel noch nicht gewöhnt hat.
oder ob sie aus dem Unverstand, in größere Helligkeit
versetzt wird und der leuchtende Schimmer sie blendet. Jene erste
wird er ihrer Verfassung und ihres Lebens wegen glücklich preisen,
die zweite wird er bedauern. Will er über sie lachen, so ist
sein Lachen weniger 1ächerlich, als wenn er über die lacht,
die aus dem Lichte herabkommt.
Was du sagst, ist vollkommen zutreffend.
Und ist es zutreffend, so müssen wir uns nun auch überzeugen,
dass die Erziehung nicht das ist, was einige in ihren Versprechungen
von ihr sagen. Sie behaupten, der Seele Erkenntnisse einpflanzen
zu können, ohne dass die Fähigkeit dazu vorher vorhanden
sei. Es ist, als ob sie blinden Augen Sehkraft geben könnten.
Ja, das behaupten sie.
Unsere Untersuchung bekundet aber, dass das Vermögen sowohl
wie auch ein Werkzeug zur geistigen Aufnahme in jedes Menschen Seele
sich befindet. Aber wie sich nicht die Augen allein rückwärts
drehen können, sondern der ganze Körper vom Dunkeln ins
Helle gewendet werden muss, so muss zugleich mit dem Erkenntnisvermögen
die gesamte Seele von der Welt des Werdens hinweggewendet werden,
bis sie den Anblick der wahren Welt und schließlich den des
leuchtendsten Gegenstandes in dieser wahren Welt auszuhalten vermag.
Dieser Gegenstand ist das Gute, nicht wahr?
Ja.