
Mysteriöse Missbildungen bei Fischen im
Thunersee - und die Fachleute stehen vor einem Rätsel.
Neuste Erkenntnisse zeigen: Es geht um nicht weniger als den Fortbestand
der Menschen.
Text Hans-Ulrich Grimm, Illustrationen Niklaus Heeb
Zu sehen ist nichts, zu riechen ist nichts, und auch
vom Geschmack her sind die geräucherten Fischfilets völlig
in Ordnung. Dass etwas nicht stimmt mit den Felchen, das weiss Vreni
Lehmann auch, die Wirtin der Piratenbar in Spiez am Thunersee. Aber
was, weiss sie nicht. "Es ist ein Rätsel", sagt sie.
Merkwürdige Missbildungen wurden beobachtet bei den Fischen im
See, an den Geschlechtsteilen, und zwar bei durchschnittlich 40 Prozent
der Felchen, bei manchen Fängen bei bis zu 95 Prozent.
So drastische Deformationen in solcher Zahl hat es bisher
nirgends gegeben auf der Welt. Die Gründe sind ungeklärr.
Und offen sind auch die langfristigen Folgen, für die Fische
- und für die Menschen.
Denn der Fisch ist so etwas wie ein gesamtökologisches Frühwarnsystem.
Deshalb sind sie heute zeitig aufgestanden, die Fischer, die Wissenschaftler
und die Inspektoren.
Es ist eine sternenklare Nacht. Auf dem Niederhorn, hoch über
dem See, blinkt ein rotes Warnlicht.
Unten auf dem Wasser liegt Nebel. Mehrere Fischer sind schon draussen,
sie fangen heute zu Forschungszwecken.
Kurt Klopfenstein ist auch dabei, der die Felchen in die Piratenbar
geliefert hat.
Die MS Hecht soll die Fische abholen und in die Fischzuchtanlage Faulensee
bringen. Es ist keine schicke Jacht, eher ein Arbeitsschiff mit einer
schmucklosen Kabine und einer grünen Kiste für die Fische,
achtern auf Deck.
Peter Friedli vom Fischereiinspektorat Bern geht an Bord, zusammen
mit dem Veterinär Matthias Escher aus Spiez.
Beat Rieder von der Fischzuchtanlage steuert das Schiff. Der Fang
heute soll Außchluss geben über die Ursachen der Mutationen,
verschiedene Forscherteams werden die Fische analysieren.
Ihre Erkenntnisse sind von weit reichender Bedeutung, denn bedenkliche
Veränderungen gab es auch anderswo, bei ein paar Äschen
in der Aare und einigen Felchen im Bielersee beispielsweise.
In Schweizer Kläranlagen wurden verweiblichte Männchen gefangen.
Transsexuelle Fische gingen auch in England ins Nerz, unterhalb von
Kläranlagen. In Japan hatten Flunder-Männchen plötzlich
weibliche Eier.
Bei Barschen in hessischen Jachthäfen waren die Hoden bizarr
vergrössert - ein Umstand, der auf einen Stoffnamens Tributylzinn
(TBT) zurückgeführt wird. TBT ist ein wahres Multitalent:
Es dient als Anti-Foulingmittel bei Schiffsanstrichen, findet sich
aber auch in Fischkonservendosen, Fussballtrikots,
Kartoffeln und sogar in Babywindeln. Triburylzinn ist einer der chemischen
Stoffe, die sich in Nahrung und
Umwelt vermehrr finden - und auf den Körper verhängnisvoll
wirken:
Sie bringen das Hormonsystem durcheinander. Die Pubertät findet
immer früher statt - und wird nach Ansicht
deutscher Wissenschaftler bei Mädchen bald mit neun Jahren beginnen.
So berichtete der ,,Blick" schon vor einigen lahren über
ein landesweites. Busenwunderr: "Busen der Schweizerinnen: immer
grösser und schöner".
Dabei könnten, meinte damals die Zürcher Toxikologin Margret
Schlumpf, eben jene Chemikalien eine Rolle spielen, die wie Hormone
wirken. Sie sind in der Nahrung enthalten, in Pestiziden, in Plastikgegenständen,
in der Kleidung, in Kosmetika.
Schon 1999 hatte eine Studie des Buwal ("Stoffe mit endokriner
Wirkung in der Umwelt") diverse Phänomene mit
mutmasslich hormonellem Hintergrund aufgelistet: Der in der Schweiz
ausgestorbene Fischotter könnte, so die Studie, durch hormonell
aktive Gifte zu Grunde gegangen sein. Dass die Fänge der Angler
in Bächen und Flüssen rückläufig sind, verweist
auf einen generellen Rückgang der Fischbestände. Umgekehrt
nahm die Zahl von Vogelarten wie Wanderfalke, Habicht oder Sperber,
die jahrelang geschrumpft war, seit dem Verbot des Pestizids DDT wieder
zu.
Was den Menschen betrifft, so nahmen laut den Statistiken verschiedener
Kantone die Fälle von Hodenkrebs zu.
Die Brustkrebsrate der Schweiz ist eine der höchsten in Europa
und Hodenkrebs laut Spitalstatistik die häufigste Tumorart bei
Schweizer Männern zwischen 15 und 39 Jahren.
Mit einem gross angelegten, vom Nationalfonds unterstützten 16-Millionen-
Franken-Forschungsprogramm
(NRP 50) wird jetzt die hormonelle Lage der Nation erkundet. Titel:
"Endocrine Disruptors: Relevance to Humans, Animals and Ecosystems"
( Hormonaktive Substanzen: Auswirkungen auf Menschen, Tiere und Ökosysteme).
Eines der Projekte beschäftigt sich mit den mysteriösen
Vorgängen bei den Fischen im Thunersee.
Die MS Hecht sucht vorerst ergebnislos nach den Fischerbooten, bei
denen sie ihre frisch gefischten Forschungsobjekte abholen soll. Der
90-PS-Volvo-Schiffsdiesel tuckert, und Beat Rieder schaltet den Autopiloten
ein: Kurs Nordwest, 3oo Grad, Richtung Beatenbucht. Der Scheinwerfer
hilft nicht weiter: Er strahlt im Dunkel nur die Nebelwand an. Das
Echolot zeigt die Tiefe an: 218 Meter. Von den Fischern weit und breit
keine Spur.
Die MS Hecht irrt weiter über den See.
Östrogene in Babynahrung
Die hormonähnlichen Substanzen, die möglicherweise
auf die Fische wirken, sind nicht leicht zu identifizieren.
Denn es sind sehr viele, und sie wirken schon in ganz geringen Konzentrationen.
DieAuswirkungen sind unabsehbar, denn ihre Funktionen sind vielflältig
und von kaum zu überschätzender Bedeutung. So beeinflussen
die Hormone beispielsweise Charakter und Verhalten. Das männliche
Geschlechtshormon Testosteron macht aggressiv, das weibliche Östrogen
sanft und freundlich. Hormone steuern die Nahrungsaufnahme, regeln
Hunger und Sättigung und auch die Verwertung der Nahrung. Sie
sind wahrhaft überlebensnotwendig. Auch für die Gattung
Mensch als Ganzes. Denn sie regeln auch die Fortpflanzung, das Sexualverhalten,
die Lust.
Und dazu braucht es relativ wenig Hormone, nicht nur bei Felchen,
auch bei Menschen.
Schon sehr geringe Dosen können zu einer Geschlechtsumwandlung
führen wie bei jener Heidi Krieger,
die 1986 Europameisterin im Kugelstossen war und heute Andreas heisst
- dank Testosterondoping in der damaligen DDR.
Denn der Unterschied zwischen Mann und Frau ist überraschend
gering: gerade mal 0,0000054 Gramm Testosteron pro Liter Blut. Das
Sexualhormon ist beim Mann in einer Konzentration von sechs Mikrogramm
pro Liter Blut vorhanden: sechs Millionstelgramm also. Das entspricht
einem Gramm Testosteron, vertellt auf 1666 Badewannen mit je hundert
Liter Inhalt. Frauen haben ein Zehntel davon. Erschwerend hinzu kommt,
dass bei den Hormonen womöglich jene Regel nicht gilt, nach der
eine erhöhte Dosis die Wirkung erhöhe "Hormone wirken
nicht stärker, wenn man viel von ihnen nimmt.
Manchmal passiert sogar das Gegenteil", sagt Frederick vom Saal,
Hormonspezialist an der University of Missouri.
Und: "Ich glaube, wir haben bisher am falschen Ende der Konzentrationsskala
gesucht."
Die Zürcher Wissenschaftlerin Margret Schlumpf, eine Koryphäe
auf dem Gebiet der Hormone,
hat vor allem Sonnenschutzmittel untersucht. In ihrem Büro auf
dem Irchel mit Aussicht auf eine Wiese stehen Stapel mit Büchern
und wissenschaftlichen Zeitschriften auf Tischen und Stühlen
("wir sind am Zügeln"), und dazwischen immer wieder
Tuben und Tiegel mit Kosmetika und Sonnenschutzmitteln.
An der Tür hängt das Foto einer haarlosen Ratte in einem
Becherglas. Sie steht, die Pfotchen am Glasrand, bis zur
Schulter in einer Flüssigkeit: Olivenöl mit einem UV-Sonnenschutzfilter,
einem hormonähnlichen Stoff.
Der galt bisher als harmlos, so Schlumpfl "Die Hersteller sagen,
es geht nicht durch die Haut." Jetzt weiss man es besser, denn:
"Wir haben rausgefunden: Es geht durch die Haut."
Die Firmen waren verständlicherweise nicht begeistertvon diesem
Ergebnis, das inzwischen von einer dänischen Forschergruppe bestätigt
wurde. Die langfristigen Folgen bei den armen Ratten und ihren Nachkommen
waren schwerwiegend: Veränderungen im Gehirn, eine verkürzte
Lebenserwartung, vergrösserte Eierstöcke bei den Weibchen
und eine verspätete Pubertät bei den Männchen. Dabei
können auch natürliche Nahrungsmittel wie Hormone wirken
- vor allem, wenn sie zur falschen Zeit von den falschen Konsumenten
verzehrt werden:
So ist es vor allem die sojahaltige industrielle Babynahrung, die
als Ursache für extreme Frühreife gilt.
In einer US-amerikanischen Studie mit 17 000 Mädchen hatte ein
Prozent aller Dreijährigen erste Anzeichen von Brüsten und
Schamhaaren. Der Grund: Im Soja wirken östrogenähnliche
Substanzen, die so genannten Isoflavone - jedenfalls in der industriellen
Soja-Babynahrung.
Wenn stillende Mütter hingegen Soja essen, findet
sich in ihrer Milch davon nichts. Der mütterliche Körper
weiss offenbar, was gut ist fürs Kind. Die Industrialisierung
der Nahrung jedoch vermehrt die hormonaktiven Chemikalien. Entgehen
kann man ihnen kaum: Sie finden sich in Plastikverpackungen, in Fischkonservendosen,
Kosmetika. Und in Deckeln auf Bierflaschen: Exzessiv um ihre Männlichkeit
besorgte Zeitgenossen sollten, so riet das Nachrichtenmagazin "Der
Spiegel", "beim Öffnen von Bierflaschen den Deckel
nur mit spitzen Fingern berühren" und überdies auch
"Erdbeeren misstrauen". Denn auch Rückstände von
Agrargiften können hormonaktiv werden. Wer die Belastung minimieren
möchte, muss verpackte Industrienahrung meiden und - zumeist
giftfreie - Bio-Lebensmittel essen.
Es liegt nicht an der Munition
Im Thunersee hatte man zunächst auf die 4500 Tonnen Munition
getippt, die dort seit der Nachkriegszeit auf dem Grund liegt.
Aber erstens gibt es solche Munition auch in anderen Seen, deren Fische
keine Veränderungen aufweisen.
Und zweitens ist davon noch nichts in den See übergegangen:
Die Behälter sind, sagt Felix Althaus, Leiter der NRP-50-Studie
und Professor am Institut für Veterinärpharmako-
logie der Universität Zürich),"von so guter Schweizer
Qalität, dass das noch einige Jahrhunderte dicht bleibt".
Allerdings: "Man findet nur das, wonach man sucht", ergänzt
Althaus. Und es gibt viele einschlägige Chemikalien -
553 Einträge enthält die Verdachtsliste des EU-Projekts
"Credo", (Cluster of Research on Endocrine Disruptors in
Europe).
Auf dem See hat die Besatzung der MS Hecht jetzt endlich die Fischer
gefunden.
Ein helles Licht raucht auf, schemenhaft im Nebei: ein winziges längliches
Boot. Darauf, aufrecht stehend, zwei Fischer in grünem Ölzeug.
Das Boot geht an Steuerbord längsseits. Mir einem Feumer wird
der glitschige Fisch herübergeholt. Er kommt in die Kiste auf
Deck. Dann dreht der Fischer seinen Yamaha-Äussenborder auf und
verschwindet im Dunkel. Mit 13 Knoten pflügt die MS Hecht zu
den Forschern in der Fischzuchtanlage.
Männer werden unfruchtbar
Die Wissenschaft hat schon einiges herausgefunden über die Hormonchemikalien.
Britische Forscher etwa stellten fest, dass jüngere Menschen
weitaus mehr von diesen Kunsthormonen in ihren Blutbahnen haben als
ältere. Bei den Testpersonen zwischen 9 und 88 Jahren hatten
die Jüngsten 75 dieser Stoffe im Blut, die ältesten nur
56. Viele Menschen nehmen, einer anderen Studie zufolge, von einem
der hormonell wirksamen Hauptverdächtigen, dem Weichmacher DEHP,
weit mehr zu sich, als sie sollten.
DEHP (Diethylhexylphthalat) ist eine Substanz, die Kunststoffe biegsam
macht, sie steckt in plastikgeschirr, Gartenschläuchen oder Giesskannen,
in PVC-Böden, Milchflaschen und sogar in medizinischen Geräten.
Der Mensch kommt täglich mit ihnen in Berührung. Die empfohlene
Maximaldosis beträgt 30 Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht,
der gemessene Spitzenwert lag bei 166 Mikrogramm pro Kilo. "Diese
Studien sind ein Aiarmsignal", sagt der Toxikologe Jürgen
Angerer von der Universität Erlangen. Sein Team hat letztes Jahr
festgestellt, dass bei einigen dieser so genannten Phthalate die Konzentration
im Blut zehnmal höher ist, als bisher gedacht.
Kinder waren sogar doppelt so hoch belastet wie die Erwachsenen. Und
es gibt sehr viele von diesen Phthalaten:
Acht Millionen Tonnen werden jährlich weltweit produziert. Als
die MS Hecht an der Quaimauer anlegt, steht oben in der Einfahrt ein
weisser WV-Bus der Universität Bern. Einer fährt einen Karren
mit einer weissen Plastikwanne heran, darauf wird der Fang in die
gekachelte Halle mit den zehn grossen grünen Fischzuchtbecken
geschafft, in denen pro Jahr mehrere Millionen Felchen ausgebrütet
werden. Die Forscher machen sich jetzt an die Vermehrung der Forschungsfische
- von Hand gewissermassen.
Erleichtert wird das dadurch, dass Fischsex ziemlich unromantisch
und distanziert stattfindet.
Die Partner kommen sich nicht einmal besonders nahe, sollten nur die
gleiche Laichgegend aufsuchen.
Dort geben sie ihre Fortpflanzungssubstanzen ins Wasser ab. Hans Walther
von der Fischzucht Reutigen drückt sanft, aber entschieden ("Es
ist ganz einfach") mit dem Daumen den silbrigen Unterleib der
Fische, und schon sondern die Weibchen den gelben Kaviar ("Rogen")
ab und die Männchen ihren weisslichen Samen
(die "Milch", wie die Fischer sagen). Bei manchen zucken
noch die Kiemen. Dann wird die Milch zum Rogen gekippt,Wasser dazugegossen,
mit einer Schwanenfeder umgerührt. Fertig.
Die befruchteten Eier kommen dann in verschiedene Plastikschälchen.
4500 davon haben die Forscher
mitgebracht. Mit einer grossen Spritze gibt einer Wasser in die Petrischalen,
die meterlang wie auf Tapeziertischen
verteilt sind: Wasser vom Thunersee, vom Urnersee, reines Qgellwasser.
Dann wird sich zeigen, ob die Felchen auch in anderen Milieus Missbildungen
entwickeln;
vielleicht waren ja die im Thunersee nur die ersten, dann kommen die
anderen - und schliesslich die Menschen.
In vielen Ländern jedenfalls haben sich auch bei den menschlichen
Fortpflanzungsorganen schon Veränderungen gezeigt.
ln England, den USA, Neuseeland, Kanada sind, wie in der Schweiz,
die Hodenkrebsraten in die Höhe geschnellt.
Auch der Prostatakrebs nimmt zu,vor allem bei relativ jungen Männern
zwischen 45 und 54 Jahren.
Untersuchungen zeigen, dass auch die Spermaqualität zu wünschen
übrig lässt. Nach Erkenntnissen des dänischen
Wissenschaftlers Niels Skakkebaek sank beim Durchschnittseuropäer
die Zahl der Spermien von 1940 bis 1990 um die Hälfte, von 113
Millionen pro Milliliter Samenflüssigkeit auf gerade noch 66
Millionen. Die US-Forscherin Shanna Swan, die kürzlich am Tierspital
in Zirich einen Vortrag hielt, berichtete von einem Rückgang
der Spermaqualität vor allem in ländlichen Regionen der
USA, wo die Bewohner viel mehr Kontakt mit Agrarpestiziden haben als
in den Städten.
Das gehe auch die Schweiz an, meint Felix Althaus, Leiter des Hormonforschungsprojekts
NRP 50. Denn:
"Im Vergleich zu Los Angeles ist ja die ganze Schweiz eine ländliche
Region." 26 Forschungsteams beschäftigen sich mit Hormonchemikalien
zu Wasser, zu Lande und in der Luft, mit den Wirkungen auf die Gehirne
von Zebrafischen, mit Flammschutzmitteln und der Rolle der Hormone
bei Brustkrebs. Margret Schlumpf erforscht die UV-Filter-Effekte im
Gehirn von Schwangeren, Serge Nef in Genf die Auswirkungen der hormonaktiven
Chemikalien auf die Genitalzone der ungeborenen Knaben, und Marc Germond
in Lausanne will die ganze Schweiz kartieren im Hinblick auf die Spermaqualität
(www.nrp50.ch).
Gerüchte am Thunersee
Längst gehen am Thunersee Gerüchte um über
die geschlechtsveränderten Fische. "Es gibt Leute, die sagen,
es kommt von den Erdstrahlen", erzählt Fischereiinspektor
Friedli. Andere glauben, es kommt von den Kursschiffen."
Originelle Erklärungen. Der Lärm, die Wellen. Er selbst
glaubt natürlich nicht daran.
Der Fischrückgang mancherorts könne aber vielleicht am veränderten
Klima liegen, glaubt er. Äuch der Nebel sei dafür ein Zeichen:
Der ist jetzt so dicht geworden, dass man nur noch wenige Meter weit
sieht.
"Das gabs früher nicht, Nebel zur Laichzeit", sagt
Friedli. Zwischendurch fällt das Echolot aus, das Schiff droht,
auf Grund zu laufen. Beat Rieder tastet sich durch das Ungewisse.
Das Ufer taucht auf, Villen, Gärten, verlassene Liegestühle.
Als eine Anlegestelle durch den Nebel schimmert, steuert er sie an,
gibt übers Handy seine Position durch:
"Wir sind im Hafen von Hünibach. Wir warten da."
Im Jahr 2000 ist das Phänomen zum ersten Mal aufgetreten. Berufsfischer
haben es entdeckt. Friedli fragt:
"Was ist an diesem See anders, dass der Fisch hier diese Deformationen
aufiveist? Was war in diesem Jahr 2000
oder in den Jahren zuvor geschehen? Welche Substanzen könnten
diese Deformationen erzeugen?"
Bisher haben sich für solche Veränderungen in der Tierwelt
bloss ein paar wenige Naturfreunde interessiert.
Auch das Aussterben vieler Arten liess die meisten kalt: Es gibt ja
noch immer Tiere genug. Über Jahrmillionen
sind ein bis drei Arten pro Jahr verschwunden, jetzt sind es etwa
tausend - pro Jahr. Es werden viele Ursachen ins
Feld geführt, etwa die Jagd oder die Überfischung der Meere.
Oder gar artenschädliche Praktiken der Tiere selber,
wie die Überfälle der Killerwale auf die Seeotter. Das Artensterben
könnte aber auch mit hormonellen Veränderungen zusammenhängen,
wie Margret Schlumpf in ihrem Buch über "Hormonaktive Chemikalien"
meint.
Die "Organochlorbelastung" der Meere beispielsweise trage
bei zum Nachwuchsschwund bei Seehunden, Eismeer-
Ringelrobben und Kegelrobben. Bei den kanadischen Seelöwen gelten
Schadstoffe als Auslöser für Nachwuchsprobleme.
Auch die Phthalate, die Weichmacher in den Kunststoffen, haben Auswirkungen
auf die Fortpflanzungsfähigkeit -
nicht nur bei jenen 168 Männern, die mit unerfülltem Kinderwunsch
zu Forschungszwecken in eine Harvard-Klinik
kamen: Bei ihnen war, wie ein Team der Harvard School of Public Health
nach einer 2003 veröffentlichten Studie herausfand, die Spermakonzentration
umso geringer, je höher die Belastung mit diesen Phthalaten war,
was wiederum, so die Forscher: "mit einer niedrigeren Fruchtbarkeit
verbunden sein" könne.
Mit dem Gehalt eines bestimmten Abbauprodukts im Blut (Monoethyl-Phthalat,
MEP) nahmen nach einer anderen
Untersuchung die Schäden an der Erbsubstanz der Spermien zu.
"Deswegen hat man solchen Respekt vor dem Zeug", sagt Margret
Schlumpf. Und deswegen gehen die Forscher in der Fischzuchtanlage
den Felchen an die Eingeweide.
Doktorand David Bittner, erkennbar an der grünen Wollmütze,
zieht den zuckenden Fischen mit dem Holzprügel eins über
und gibt den Leichnam weiter an Thomas Wahli, Biologe am Tierspital
Bern. Der trocknet die Fische mit einem haushaltsüblichen Tuch,
wiegt sie ab und gibt sie nach links an seinen Kollegen Daniel Bernet.
Der schlitzt mit einem Skalpell die Bäuche auf, befühlt
die rötlich-weisslichen Eingeweide und kommentiert:
"Konstriktion rechts, Konstriktion links". Das notiert Privatdozent
Carlo Largiader vom Zoologischen Institut
der Universität Bern, Abteilung Populationsgenetik. Dunkelgraue
Thermohose, Fleecejacke von Jack Wolfskin,
in der linken Hand ein Schreibbrett,"Samplingprotokoll Thunersee".
Von den ersten elf Fischen hatten fünf solche Befunde.
Die Hoden liegen bei den Felchen innen, längliche, rötliche
Organe. Manche sehen aus, als ob sie mit Zahnseide abgebunden und
in mehrere Stücke aufgeteilt worden wären. Nummer 10 hat
gar einen dreigeteilten Hoden. Einen Zwitter gab es heute auch schon.
Dessen männlich-weibliche Geschlechtsorgane liegen jezt in einem
kleinen roten Fläschchen. Ein Prozent der Fische waren solche
Hermaphroditen, eine europaweit einmalige Qote. Im Nachbarzimmer wird
Professor Claus Wedekind, ein junger Biologe mit Jeanshemd und brauner
Hose, etwas nervös. Es hat zu wenig Sperma gegeben, nur ein paar
Milliliter für die ersten Plastikschälchen.
Jetzt droht einiges aus dem Lot zu geraten. Wedekind flehentlich:
"Wir brauchen so viel Tröpfchen wie möglich."
So wenig es sein mögen: Qalitativ war an den Tröpfchen bisher
nichts auszusetzen.
Die Samenqualität hat nach bisherigen Erkenntnissen nicht gelitten,
auch die Fortpflanzungsflähigkeit der weiblichen
Felchen ist nicht beeinträchtigt, wie eine Untersuchung des Veterinärs
Matthias Escher im Auftrag des Fischereiinspektorats ergab. Diesbezüglich
kein Grund zur Beunruhigung also. Andererseits: "Wir wissen nicht,
ob wir nicht am Anfang einer Veränderung stehen", sagt Escher.
,,Vielleicht gibt es bei den Fischen diskrete Entwicklungen, die sich
erst im Erwachsenenalter zeigen", sagt Professor Älthaus."Es
bedrückt mich", sagt Margret Schlumpf, die eigentlich durchaus
eine fröhliche Person ist, dies aber so gar nicht zum Lachen
findet. "Es bedrückt mich vor allem im Hinblick auf den
Fortbestand von Mensch und Tier."
Hormonaktives Migros-Produkt?
Es gibt kein grösseres Thema, kein wichtigeres Forschungsfeld.
Es geht, in letzter Konsequenz, um die Zukmft, ja die Existenz des
Menschengeschlechts. Oder, im speziellen Fall, um die Frage: Stirbt
die Schweiz aus?
Vermutlich nicht, und schon gar nicht bald. Aber es gibt Indizien.
Die Ausbreitung der hormonell wirksamen Stoffe ist auch in der Schweiz
zu beobachten: Fischdosen mit einer bestimmten Beschichtung fanden
sich 1998 in vielen Supermärkten.
Die Beschichtung dient der Bequemlichkeit, soll das Aufreissen erleichtern:
Die Substanz heisst Bisphenol A
oder Bisphenol-A-diglycidylether, abgekürzt Badge. Auch Pestizidrückstände
finden sich immer wieder: in Salat, Äpfeln, Honig, Wein. Und
die UV-Sonnenschutzsubstanzen finden sich mittlerweile sogar in Weichspülmitteln
wie Excelia Suncare, einem Migros-Produkt ("Erhöht den ungenügenden
Sonnenschutz heller Textilien").
Die Migros und Lieferant Ciba versichern, das Erzeugnis habe "keine
entsprechende Wirkung".
Unabhängige Untersuchungen konnten die Entwarnung nicht bestätigen
- mangels Testsubstanz vom Hersteller:
"Wir kriegen kein Testmaterial", sagt die Zürcher Toxikologin
Margret Schlumpf, "trotz mehrfacher Anfrage".
Dabei teilt die Chemie- und Pharmaindustrie eigentlich "die Besorgnis
um allfällige negative Auswirkungen von
hormonwirksamen Stoffen auf Mensch und Tier", so Richard Gamma
vom zuständigen Industrieverband SGCI Chemie Pharma Schweiz,
legt allerdings "grossen Wert darauf, dass keine voreiligen Schlüsse
gezogen" werden.
Vielleicht gibt es schon bald mehr Klarheit. Die Crew der MS Hecht
jedenfalls hat ihren Weg schliesslich gefunden.
Mit Autopilot geht es zurück zur Fischzuchtanlage. An der Landspitze
sind nun die Umrisse von Bäumen zu sehen, die Sonne bricht durch
den Dunst. Die Fischer haben sie unterwegs nochmal getroffen, auch
Kurt Kopfenstein, der die Felchenfilets an die Piratenbar geliefert
hat. Ob es ein mutierter Fisch war, weiss niemand. Aussortiert wird
nicht: Die Felchen, die nicht zu Forschungszwecken gebraucht werden,
landen in einer weissen Plastikbox.
Ob man die einfach so essen kann? Fischereiinspektor Friedli druckst
ein wenig herum. Nur nichts Falsches sagen
jetzt. Friedli verspricht ein E-Mail mit der offiziellen Sprachregelung.
Es lautet, in voller Länge: "Seit dem Winter 2000 werden
bei geschlechtsreifen Felchen aus dem Thunersee Veränderungen
an den Geschlechtsorganen festgestellt. Die betroffenen Fische unterscheiden
sich äusserlich in keiner Weise von den anderen Felchen. Ebenso
wenig lassen sich zwischen betroffenen und nichtbetroffenen Fischen
Unterschiede in Farbe und Beschaffenheit des Fleisches feststellen.
Da alle inneren Organe von Fischen vor dem Verkauf vollständig
entfernt werden,
besteht nach Ansicht des kantonalen Veterinärdienstes und des
kantonalen Laboratoriums kein Anlass,
Fleisch von betroffenen Felchen nicht zum Konsum zuzulassen."
Hans-Ulrich Grimm (redaktion@dasmagazin.ch) ist Autor von populären
Ernährungsbüchern wie "Die Suppe lügt"
und "Aus Teufels Topf". Sein letztes Buch: "Die Ernährungslüge",
(Droemer-Verlag, 2003)
Niklaus Heeb ist wissenschaftlicher Illustrator und Biologe (atelier@niklaus-heeb.ch).