Artikel
aus dem Lenzburger Bezirks-Anzeiger
Mittwoch
24.Dez. 2003 von Beatrice Strässle
Auch in einer Hütte kann man glücklich leben.
Er hat kein Licht, kein warmes Wasser, durch die Ritzen pfeift der Wind
und heizen kann er nur spärlich. Und doch möchte Hans Schärer
nicht anders leben. Die Strohbehausung in Auenstein ist sein Zuhause.
Für die einen mag er als Lebenskünstler gelten, für die
anderen ist er ein Spinner.
Einige ärgern sich ob seiner Lebensweise, teils so sehr, dass sie
ihn bevormunden wollten.
Aber Hans Schärer ist kein Aussteiger, er war schon immer so. Seit
rund 25 Jahren lebt er in einer Behausung aus Stroh, Wellblech und anderen
Materialien an einem Waldrand in Auenstein. Sein Leben verlief ungewohnt,
und der heute 83-Jährige ist überzeugt, dass er immer Glück
gehabt habe. Will man heute seine Lebensgeschichte erfahren, so braucht
es Zeit, an manches erinnert sich der sympathische Mann nicht mehr so
genau.
«Der Computer da oben will nicht mehr so ganz», meint er dann
schmunzelnd und tippt sich an die Stirne.
Doch das, was er noch weiss, ist eindrücklich genug. Am 14. Oktober
1919 kam er im zürcherischen Hütten zur Welt und durchlief mit
mehr oder weniger Erfolg die Jahre in der Sekundarschule.
Besonders das Französisch habe ihm grosse Mühe bereitet, an
das erinnert er sich noch sehr gut.
Er konnte sich den Wunsch, Bäcker-Konditor zu werden, nicht erfüllen,
zu hoch sei das Lehrgeld gewesen.
So entschied er sich für den Beruf des Maschinenzeichners und arbeitete
einige Jahre auf diesem Gebiet.
Bereits in jungen Jahren packte ihn das Reisefieber. Auslöser war
ein Bericht über die Seychellen, die darin als Paradies beschrieben
wurden. Von 30 cm langen Bananen und sonstigen Wunderdingen sei da die
Rede gewesen. Von da an gab es für den jungen Mann nur noch ein Ziel:
die paradiesischen Seychellen. So kam es, dass er in den 30er-Jahren den
beschwerlichen Weg dorthin auf sich nahm.
Aber auf den Seychellen waren die Bananen klein und auch alles andere
nicht so paradiesisch.
Das Glück sei ihm trotzdem hold gewesen und er habe gute Bekanntschaften
gemacht.
Noch heute kommt er ins Schwärmen, wenn er von den saftigen Papayas
erzählt.
Bienen führten ihn um die Welt
Wohnen war für ihn nie ein grosses Thema, nie kam ihm der Wunsch
nach einem gemütlichen Heim, geschweige denn nach einer Beziehung.
Er sagt heute, dass er auch in dieser Hinsicht unverschämtes Glück
gehabt habe und die Freundschaften immer zum rechten Zeitpunkt auseinander
gingen. Entweder bezog er an seinem Arbeitsort ein Zimmer oder er wohnte
- wie in Rothrist - auf dem Zeltplatz.
Als dieser geschlossen wurde, zügelte er seine bescheidene Habe in
eine Höhle. Stets fürchtete er sich vor dem Bequemen, dem Schönen
und dem Verwöhntsein. Schon in jungen Jahren habe er nie den einfachen
Weg genommen.
Er wanderte umher wie seine Bienenvölker, für die er immer wieder
einen neuen Standplatz suchen musste.
Und eigentlich waren es die Bienen bzw. seine Kenntnisse über diese
Insekten, die ihn an Kongresse auf der ganzen Weit brachten, beispielsweise
nach Neuseeland, Moskau oder Maryland in Amerika.
Schärer befasste sich intensiv mit der Bienenzucht, insbesondere
mit der künstlichen Befruchtung.
Diese Bemühungen führten ihn auch nach Costa Rica, wo er gerne
für immer geblieben wäre.
Doch das Leben wollte es anders und er landete. - zusammen mit den Bienen
- vor zwei Jahrzehnten in Auenstein. Zuerst wohnte er im Dorf, doch bald
übersiedelte er auf sein Grundstück, das ausserhalb liegt.
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